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Feuerwehrturm und Kriegsdenkmal, Januar 1993

Kriegsdenkmal an neuer Stelle in Neu-Horno, 13. November 2006

                               

Horno


Langzeitdokumentation


In der Ausstellung ALLTAG EINHEIT im Deutschen Historischen Museum
27.5.2015 bis 3.1.2016

Im Jahr 2000 beschrieb der Berliner Journalist Helmut Höge das Dorf Horno folgendermaßen:
»Ganz sicher ist es das schönste Dorf in der Lausitz. Es liegt auf einer Moränenplatte am Rande des Neißetals, umgeben – jedenfalls bis vor kurzem noch - von Wäldern. Im Dorf selbst herrscht strengster Märkischer Minimalismus: 1 Kirche mit Friedhof, 1 Bäckerei, 1 Getränkestützpunkt, 2 leere Läden, 3 Leergut-Container, 1 Feuerwehrhaus, 3 Löschteiche, 1 kleiner Soldatenfriedhof, 1 Rest-LPG, 1 Gemeindebüro mit einem fußballförmigen Versammlungssaal im Hof, 1 Radarfalle, 2 Bushaltestellen, 1 Pfarrhaus mit einem schönen Garten, 1 Dorfkrug, der nur noch für Vereine öffnet, 1 Zigarettenautomat, 1 Kita mit Spielplatz, viele gepflegte Blumenbeete an der Dorfstraße, jede Menge Gärten – mit Blumen, die auch noch im November blühen, sowie mit Obstbäumen voller Äpfel und kleinen Gänsescharen, denen zu Weihnachten die letzte Stunde schlägt, vier oder fünf verblasste Protestplakate gegen die LAUBAG, 1 plattgefahrener Igel und jede Menge Schuppen und Scheunen in mehr oder weniger verfallenem Zustand. Das ist schon fast das ganze Dorf.«

1992 las ich eine Reportage über Horno im ZEIT-Magazin und fuhr daraufhin im Herbst 1992 das erste mal selbst in den Ort. Er sollte dem Braunkohletagebau Jänschwalde weichen, der sich vom Süden her auf Horno zubewegte. Die Bewohner Hornos sollten umgesiedelt werden. Dass man dieses Dorf tatsächlich eines Tages abbaggern würde, erschien mir damals unvorstellbar. Dennoch rückte der Tagebau unaufhaltsam näher und alle Versuche der Hornoer die Abbaggerung zu verhindern scheiterte. Im Sommer 2004 waren plötzlich alle Häuser südlich der Dorfstraße abgerissen worden. An jedes Haus erinnerte nun ein Haufen Schutt. 60 Familien waren in das 10 km entfernte neu gebaute »Neu-Horno« umgezogen, einer etwas steril wirkenden Neuauflage des Ortes, am Rande der Stadt Forst, bezahlt vom schwedischen Staatskonzern Vattenfall. Den ehemaligen Bewohnern war es noch erlaubt ihre Katzen zu füttern, die immer wieder nach Hause zurückkehrten. Nicht nur die Katzen waren desorientiert. Auch die Brieftauben, die mit nach »Neu-Horno« umgezogen waren, mussten eingesperrt bleiben, da sie freigelassen immer wieder nach Horno zurückflogen. Im Herbst wurde die ehemalige Dorfstraße und damit der Zugang zum Ort gesperrt. Ich kaufte mir daraufhin einen Kompass und lief mehrmals heimlich durch den Griessener Forst nach Horno.
Anfang 2005 lernte ich den britischen Schriftsteller Michael Gromm in Berlin kennen. Er hatte sich intensiv für den Erhalt des Ortes eingesetzt und drei Bücher über Horno und den Wiederstand gegen die Abbagerung des Ortes geschrieben. Er nahm mich mit zum Ehepaar Domain, die sich als einzige Dorfbewohner weigerten ihr Haus zu räumen. Michael Gromm war Untermieter in ihrem Haus, in dem sie auch die örtliche Gaststätte den »Dorfkrug« mitsamt einem Tanzsaal betrieben hatten. Es stand inzwischen ganz allein in einer Wüste aus Schutt- und Erdhügeln, dem abgerissenen Horno. Sie kämpften bis zuletzt gegen den Abriß ihres Hauses und der Zerstörung ihres großen Obst- und Gemüsegartens.

Ende 2005, als die Tagebaukante nur noch 50 Meter vom Haus entfernt war, mussten sich auch die Domains geschlagen geben und zogen in ein kleines, bescheidenes Häuschen, das sie in einem benachbarten Ort besaßen. Inzwischen ist der Hügel, auf dem Horno stand, verschwunden. Der Tagebau frisst sich nun weiter durch den Grießener Forst in Richtung Guben und bedroht mehrere Dörfer in ihrer Existenz.