Guben/Gubin
Ausstellungsprojekt, 2001–2002
Anfang des letzten Jahrhundert war Guben eine prosperierende Stadt, durch deren Mitte der Fluss Neisse floss. In seiner stark industrialisierten westlichen Vorstadt, wurden Textilien, hauptsächlich Wolle und Hüte in vielen Fabriken hergestellt. Östlich des Flusses befand sich das alte Stadtzentrum und die Gubener Anhöhe, damals noch berühmt für seine vielen Gärten, in denen Obst und Wein produziert wurden. Dort ließen sich auch einst wohlhabende Fabrikanten Häuser von Architekten wie Mies van der Rohe bauen.
Die Judenverfolgung zur Zeit der Nazi-Herrschaft, zwang viele jüdische Fabrikbesitzer zur Emigration, mit dem Beginn des 2. Weltkrieges wurde die Textilproduktion mehr und mehr auf Militärbekleidung umgestellt und aus der Stadt wurde am Ende ein Schlachtfeld, in dem sie fast vollständig zerstört wurde. Nach Ende des Krieges wurde sie in die deutsch/polnische Stadt Guben/Gubin aufgeteilt. Aus den inzwischen der Sowjetunion zugeordneten (ehemals polnischen) Gebieten der Ukraine wurden Bewohner nach Gubin zwangsumgesiedelt, die in die Häuser der nach Westen geflohenen Deutschen zogen. So wuchs die Stadt mehr und mehr auseinander und 1982 wurden auch die Grenze nach Polen geschlossen, aus Angst die polnische »Solidarnoc« Bewegung könnte in die DDR überschwappen.
1989 wurde der Grenzübergang wieder geöffnet, wurde aber zur schwer bewachten neuen EU-Außengrenze zwischen der Europäischen Union und Osteuropa.
Der Beitritt Polens zur EU nährt inzwischen Hoffnungen, dass die Stadt mehr zusammenwachsen könnte. Heute gibt es viele Pläne, nicht nur mehr Brücken über den Fluss zu bauen, sondern auch die Einstellung der Bevölkerung zueinander zu ändern, die oft noch voller Vorurteile gegeneinander sind. Dabei leiden diese auf beide Seiten unter hoher Arbeitslosigkeit. Tausende von Einwohnern haben ihre Stadt inzwischen verlassen, vor allem Jugendliche, aus Mangel an Zukunftsperspektiven. Manche sagen, sie ist zu einer vergessenen Stadt geworden. Nachdem ich mich 1999 mit Gubens letzter Hutfabrik beschäftigt hatte, die Anfang 2000 für immer ihre Produktion einstellte, fuhr ich weiterhin in die Stadt, besuchte die inzwischen arbeitslos gewordenen Hutmacher und erkundete die andere Seite des Neisseufers.
2001 wurden einige meiner Bilder auf großen Plakatwänden in beiden Stadtteilen ausgestellt. Um alle Fotos zu sehen, mussten die Besucher durch die ganze Stadt laufen und entdeckten dabei weit mehr, als diese Bilder.
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