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4. OG, Raum 501

                               

Gefängnis Luckau


Auftragsdokumentation für die Stadt Luckau, 2006


Im März des Jahres 2006 betrat ich das erste Mal in meinem Leben ein richtiges Gefängnis. Ich nahm an einer Führung teil, bei der die Umbaupläne der erst kürzlich geschlossenen Luckauer Haftanstalt zu einem Kulturzentrum vor Ort geschildert wurden. Zuerst besichtigten wir die Hafthaus II genannte ehemalige Klosterkirche, die im 14. Jahrhundert vom Dominikaner Orden gebaut worden war. Sie wurde später als Waisenhaus und von 1747 bis zum Herbst 2005 als Gefängnis genutzt.
Wir stiegen die stark ausgetretenen Stufen der Treppe hinauf, durch eiskalte Luft, die auf immer in diesem Gemäuer gespeichert zu sein schien. Mir tat jeder Mensch leid, der jemals dieses Treppenhaus hatte benutzten müssen. Im Kontrast dazu waren die Zellen des Gefängnisses unerwartet bunt gestrichen. Sie wirkten, als seien die Insassen gerade erst ausgezogen.

Wenige Monate später wurde ich beauftragt das gesamte Gefängnisareal in Luckau zu dokumentieren. Das Hafthaus I, das Sachsenwerk, indem sich die Werkstätten befunden hatten, diverse Nebengebäude, den Verwaltungstrakt und das Hafthaus II, das ich hier zeige. Ich entschied mich entgegen meinen Gepflogenheiten von letzterem Farbaufnahmen zu machen, um die außer-gewöhnlich bunte Gestaltung der Zellen und Gemeinschaftsräume besser dokumentieren zu können.

An einem heißen Tag im Juni 2006 wurde mir das Tor zum Gefängnisareal in der Karl-Liebknecht-Straße aufgeschlossen und ich stand allein im Hof mit Stativ und Fotokoffer. Mir war zuvor versichert worden, dass sich die Tür jederzeit von innen öffnen ließ, was mich einigermaßen beruhigte.
Im Erdgeschoß des Hafthauses II schlug mir große Feuchtigkeit entgegen. Eine Wand war beeindruckend schwarz gefärbt von Schimmel. Je höher ich die Treppen stieg, desdo wärmer wurde es. In der obersten Etage stand die Hitze förmlich unter dem Flachdach. Es befand sich ein sonderbarer Geruch in der Luft, eine Mischung aus Schweiß und dem Gestank von verendeten Tauben, die durch kaputte Fenster hereingeflogen waren, aber nicht mehr herausgefunden hatten. Dennoch war unter dem Dach die interessanteste Etage für meine Arbeit, da die Zellen hier noch »wohnlich« mit Bett, Tisch und Schrank eingerichtet waren. Dabei begleitete mich der Gedanke, dass hier noch vor kurzen Menschen eingeschlossen waren, die nicht einfach wie ich vor die Tür treten konnten, um zwischendurch frische Luft zu schnappen.

Nach anderthalb Jahren Umbauarbeiten wurde die Klosterkirche 2008 als Kulturkirche mit der neuen Dauerausstellung des Niederlausitz-Museums eröffnet. Inzwischen befinden sich dort auch Verwaltung und Depot des Museums, sowie die Stadtbibliothek und die neue Ausstellung »Im Knast. Strafvollzug und Haftalltag in Luckau, 1747-2005«.


(E-Mail des ehemaligen Insassen D.Wegener vom 5. Februar 2012)

Herr Lorenz Kienzle,
 
bin rein zufällig auf ihre Seite gestoßen, da ich Nachweise für meine Rente aus dieser Zeit suche.
 
Die Bilder sehen alle schick aus, ganz besonders 03, das war die Liege in der sogenannten Absonderung, allerdings sah der Raum anders aus, er hatte Fließen an den Wänden und Boden, wegen dem vielen kalten 
Wasser, was man danach aus einem C-Schlauch überspritzt bekam. In dieser Absonderung verbrachte ich 4 Wochen, weil ich mich gegen einen Gangältesten von Gang 3 widersetzt hatte.
Ich habe dort 3 Jahre meiner Jugend gelassen, ich war 15 und habe einen leeren Kasten Bier gestohlen, um vom Pfandgeld Zigaretten zu kaufen, das brachte mir das Urteil 1-3 selbst Erziehungsmaßnahme nach Makarenko ein.
 
Sie können nicht wissen wie es war, wenn es im Haus 2 hieß, Gang 3 raustreten zur Achterbahn, und immer dann, wenn es entweder kalt oder heiß draußen war, in der Mitte der Häuser war der Platz der sportlichen Züchtigungen, die auch schon mal bis spät in die Nacht gingen.
 
Flucht aus dieser Hölle wurde mit dem Tod bestraft, zu meiner Zeit hatten zwei Jugendliche die Schnauze voll, und wurden leider auf dem Dach des großen Essensaal erschossen, wir durften uns einen Tag später beide auf dem Hof aufgebahrten Jugendlichen anschauen, zur Abschreckung.
 
Ich habe heute noch mit dieser Zeit zu kämpfen, es hört nicht auf und ich bin heute 60.
 
Alles Gute für sie.
 
D. Wegner


(E-mail von Gerd Schiller vom 15. Dezember 2011)

Sehr geehrter Herr Kienzle,

auch ich fand zufällig ihre Seite nebst den Fotos über die JVA Luckau. Ich war in dieser Haftanstalt zwischen 1978 bis Anfang 1984 inhaftiert, also noch zu DDR Zeit.
Damals handelte es sich um eine Strafvollzugseinrichtung -STVE- und ich saß hier einmal 18 Monate und einmal fast 20 Monate wegen versuchter Republikflucht -§213 STGB- ein. Im Februar 1984 kam ich dann, noch vor der Verbüßung meiner Haftzeit, auf einen Transport in das Stasigefängnis Karl - Marx - Stadt -heute Chemmnitz- von wo aus ich mit mehreren anderen Inhaftierten, nach drei unendlich wirkenden Wochen, nach Giessen/BRD transportiert wurde.
Zu "meiner Zeit" sah es in Luckau noch völlig anders aus. Dort wo die grüne Freifläche zwischen dem Haus I und dem Haus II zu sehen ist stand ein eingeschossiges Werksgebäude in dem wir Inhaftierten für den "VEB-Sachsenwerk" in zwei Schichten Teile für Kühlschrankmotoren herstellten. Sogenannte Wickelspulen wurden von uns in Akkord eingelegt.
In den Verwahrräumen, den Zellen, des Haus II -in dem ich einsaß- gab es keine Waschbecken oder Toiletten. Diese befanden sich am Ende des Flurs auf der linken Seite in einem "Waschraum". Dieser "Waschraum" war der länge nach gedrittelt, links, im kleineren Teil des Raumes, einige Toiletten in Holzverschlägen und rechts die Waschgelegenheit. Keine Waschbecken sondern ein langer "Steintrog" über dem sich Wasserhähne befanden. Dies zu beiden Seiten dieses Teils des "Waschraums". Nur kaltes Wasser!
Einmal in der Woche war Duschtag für alle Stationen! Der Duschraum befand sich im Kellergeschoß von Haus II, in der nähe der sogenannten "Liebknechtzelle".
Die Zellen auf den Stationen -erste und zweite Etage, sprich Station- waren mit ca. 16 bis 18 Inhaftierten belegt. Nur die ersten beiden gegenüber liegenden Zellen auf den Stationen waren geringer belegt -waren ja auch kleiner. In einer dieser Zellen lagen die "Stubenältesten" in der anderen der "Stationsälteste".
Die Stationen selbst waren durch ein Gitter abgesperrt.
Die Zellen blieben jedoch rund um die Uhr geöffnet.
Jeden Tag fanden sogenannte Stubendurchgänge statt. Die Inhaftierten mußten ihre Betten akkurat auf Kante bauen, der Spind -jeder Inhaftierte besaß einen welcher auch noch mit in der Zelle war- hatte 1A aufgeräumt zu sein, der Verwahrraum mußte gefegt, gewischt und einmal pro Woche gebohnert sein und die Inhaftierten hatten sich in einwandfreier Bekleidung aufzustellen. Dann betrat ein Vollzugsbeamter -Schließer- den Verwahrraum und der Stubenälteste hatte Meldung zu machen:"Herr Leutnant Verwahrraum 203 mit 17 Strafgefangenen zum Stubendurchgang angetreten, es meldet Strafgefangener...."
Ähnlich war es bei der morgendlichen und abendlichen Zählung.
Hier mußten alle Inhaftierten aus ihren Verwahrräumen auf den Flur heraustreten, sich in Doppelreihe aufstellen und der Stationsälteste -ebenfalls ein Inhaftierter- erstattete einem Vollzugsbeamten Meldung.
Essen gab es in dem Gebäude rechter Hand neben dem Haus I.
Dabei hatten alle Inhaftierten ihren Mantel, die Schuhe/Stiefel an zu ziehen sowie das Käppie aufzusetzen und in zweier Reihe zum Essenraum zu maschieren.
Auf den Armen, dem Rücken und den Beinteilen der Bekleidung waren gelbe Streifen aufgenäht. Es handelte sich um alte, getragene Armeebekleidung welche umgefärbt war.
Der Freistundehof befand sich auf der linken Seite vor dem Haus I.
Auf ihrem schwarz/weiß Foto ist noch ein Teil der Umzäunung zu erkennen.
Jede Station hatte einen Fernsehraum. Der Raum war mit alten Klappholzstühlen bestuhlt -ähnlich Kinositzen. Der Fernseher befand sich in einem Nebenraum auf erhöhter Position hinter einer Glasscheibe. So kam niemand von den Inhaftierten direkt an das Gerät und konnte nur von Vollzugsbeamten bedient werden. Fernsehen war eine Auszeichnung!
Der Briefverkehr war begrenzt und mußte erst genehmigt werden. Monatlich zwischen 2 - 4 Briefe schreiben und erhalten. Die Post wurde zensiert. Pakete durften jährlich zwischen 2 - 4 erhalten werden.
Einmal im Monat war Sprecher, also Besuchstag.
All diese Dinge waren keine gesetzlich verbrieften Rechte sondern "kann-Bestimmungen".
Wer sich politisch etwas mit dem System arrangierte oder den "Erziehern" das eine oder andere Geheimnis von Inhaftierten zukommen ließ, ja für den gab es dann auch kleinere Vergünstigungen.
Für uns politisch inhaftierte war es nicht einfach untereinander zu diskutieren, denn der "OKS", der Offizier für Kontrolle und Sicherheit -Stasi- hatte seine Spitzel überall.

Mit freundlichen Grüßen, Gerd Schiller


(E-Mail von M. Elias vom 14.April 2010)

Sehr geehrter Herr Kienzle,

ich bin auf der Suche nach Berichten der JVA Luckau auf ihrer Seite gelandet und habe mir ihre Bilder angesehen. Ich muss sagen, sie haben diese Hafträume sehr gut mit der Linse eingefangen.
Nicht nur weil sie ein Profifotograf sind!
Ich war leider in dieser JVA inhaftiert und zwar von Juni 2002 bis März 2004!
Leider habe ich dort die Hölle durchgemacht, was sie in ihren Bildern leider nicht wiedergeben konnten, aber ich habe mir auch ihren Bericht durchgelesen und ich muss sagen, sie haben es verstanden ohne zu wissen, wie man sich dort gefühlt hat.
Und als ich auf ihren Fotos den Haftraum 505 gesehen habe, in dem ich so lange verweilen musste, da kamen mir selbst nach 6 Jahren noch die Tränen, denn die Erinnerungen der Qual sind wieder wach geworden.

Ich kann ihnen sagen, die Wände waren nie bunt, sie waren mit Farbe die abbröckelte. Die Fenster ließen nicht einmal den Regen oder Schnee draußen, auch wenn sie geschlossen gewesen sind.
Auf den Treppen sind fast täglich Frauen gestürzt und wurden dann nicht einmal richtig ärztlich betreut.
Das Essen was es hier gab, wurde meist aus verdorbenen Lebensmittel hergestellt, kann ich 100% sagen, denn ich wurde in der Küche dazu gezwungen Wurst die schon klebte zu verarbeiten. Oder Kartoffeln, die schon blau und flüssig waren.
Oder aber die Frauen, die nicht das Glück hatten, eine Toilette im Haftraum zu haben, die durften auch schon mal 1-2 Std.warten, bis das Personal kam um den Haftraum aufzuschließen. Aber auch das Eiskalte Wasser aus den Waschbecken war immer sehr nett... egal ob Sommer oder Winter!
Das alles konnten sie nicht auf ihren Bildern festhalten!
Schade eigentlich, aber damals interessierte sich nicht einmal das Ministerium dafür!!

Warum ich ihnen das geschrieben habe?
Ich wollte, das sie sehen... wie es war in dieser JVA zu leben... nein... zu vegetieren...!

Mit freundlichen Grüßen,

M. Elias