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Der Große Stechlinsee, 2002










Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Hahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier.

Theodor Fontane: »Der Stechlin«, 1897

                               

Theodor Fontane


Ausstellungs- und Publikationssprojekt, 2002 – 2012

Ankauf durch das Stadtmuseum Berlin, 2016

»Wo Stine sann und Effi litt – Der Berliner Fotograf Lorenz Kienzle erinnert an Fontanes Romanfiguren« Von Sophie Diesselhorst, Zitty, 24.7.2012

»Sein Glück verdienen – Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen«
mit dem Schriftsteller Burkhard Spinnen, veröffentlicht im Knesebeck Verlag, München, 2012



Lektüren wandeln sich mit der Zeit. Wir Leser müssen dafür sorgen, dass nicht ihr Kostüm, sondern ihr Wesen überdauert. Was aber geschieht mit Orten? Nun, auch die verändern sich; und dennoch glauben wir, dass zumindest manche ihren Genius loci, also ihr ganz besonderes Wesen bewahren.
Lorenz Kienzle hat mit seiner Kamera die literarischen Orte der Fontane’schen Romane in der Realität von heute aufgesucht. Die dabei entstandenen Fotos sind aber keine »stimmigen« Illustrationen zu den Texten geworden, keine historischen Genrebilder, die sich den Texten als Schmuck zur Seite stellen ließen. Oft ist eher das Gegenteil der Fall. Dann zeigen die Fotografien vielmehr, wie unbarmherzig der Mensch im Laufe der Zeit eingegriffen und die Orte verändert hat, nicht immer zu ihrem Vorteil.
Der Mensch und die Zeit haben den Fontane’schen Lokalitäten rigoros ans historische Kostüm gefasst, es verändert oder sogar weggerissen. Auf den ersten Blick scheint das oft nichts als ein Verlust zu sein. Kienzles Fotos gelingt es in sorgsamen Kompositionen zu zeigen, wie die alten und die neuen Zustände der Orte einander überlagern oder durchdringen. Die Bilder vermitteln eine Ahnung von der Gestalt der Vergangenheit, zugleich belegen sie, wie unwiederbringlich alles Gewesene ist.
Und es geschieht noch etwas mehr. Betrachtet man sie zusammen mit Fontanes Texten, aus denen die Orte ihr besonderes Wesen beziehen, ihre Aura, dann erscheint in ihnen etwas Unsichtbares, dabei aber sehr Präsentes: das Zeitlose, das seine eigene Schönheit entfaltet. Auf dieses Zeitlose zielt alle Kunst. Sie leitet uns an, durch die Verkleidungen der Verhältnisse hindurch das Eigentliche zu erkennen. So sind die Fotos ein diskretes Pendant der Texte. Beide fordern sie uns auf, mehrfach zu lesen, mehrfach zu schauen, bis alle Kostüme fallen.


Burkard Spinnen in seiner Einleitung »Vom Wiederlesen oder: Probe ohne Kostüm« zum gemeinsamen Buch »Sein Glück verdienen - Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen«